/Wettlauf zum Reichstag – die letzten Tage des Zweiten Weltkriegs

Wettlauf zum Reichstag – die letzten Tage des Zweiten Weltkriegs

Ende April 1945 erreicht der Krieg auch das beschauliche Wannsee. „Wir sind die Hauptkampflinie“, erklärt dem Schauspieler Heinz Rühmann ein Leutnant, als er mit neun Mann auf dessen Grundstück Am Kleinen Wannsee 30 in Stellung geht. Einst habe diese Linie von Narvik bis Athen gereicht, jetzt nur noch über 300 Meter quer durch den Garten, bilanziert Rühmann bitter in seiner Autobiografie „Das war’s“. Im Feuergefecht mit den Russen geht sein Holzhaus in Flammen auf.

1945/2020 - 75 Jahre Befreiung und Neuanfang- Die rote Armee in Berlin

Am gegenüberliegenden Ufer, in der Bismarckstraße 34, gerät auch die Villa seines Kollegen Heinrich George unter Beschuss, der sich mit der Familie im Ruderboot über den See rettet, erst in die Siemens-Villa, heute Teil des Immanuel-Krankenhauses, dann, als auch dort Granaten einschlagen, in weitere Notquartiere. Am 1. Mai, als in Wannsee die Waffen schweigen, kehren sie in ihre geplünderte Villa zurück (Karte: ➊).

Einen Tag später unterzeichnet General Helmuth Weidling, Kampfkommandant von Berlin, im Gefechtsstand der 8. Garde-Armee der Sowjets am Tempelhofer Schulenburgring 2 den Befehl an die Verteidiger der Stadt, den Kampf einzustellen.

In Berlin ist der Krieg aus. Die deutsche Kapitulation wird sechs Tage später in der Pionierschule Karlshorst, dem heutigen Deutsch-Russischen Museum in der Zwieseler Straße 4, besiegelt.

Die Schlacht um Berlin 1945 – der Überblick

1945/2020 - 75 Jahre Befreiung und Neuanfang- Die rote Armee in Berlin

Nur zweieinhalb Wochen hatte die Rote Armee für ihren letzten Ansturm auf das Machtzentrum des NS-Staates gebraucht. Am Morgen des 16. April war die Schlacht um die Seelower Höhen, die letzte Verteidigungsstellung der Wehrmacht vor der Reichshauptstadt, mit einem massiven Artillerieschlag eröffnet worden, drei Tage später brach die deutsche Abwehrfront zusammen, ein unerwartet mühsam, unter hohen Verlusten erkaufter Sieg.

Wie von Stalin erhofft, setzte nun zwischen Marschall Georgi Schukows 1. Weißrussischer Front aus Nordosten und der südlich von der Neiße heranrückenden 1. Ukrainischer Front unter Marschall Iwan Konew ein Wettlauf nach Berlin ein. Schukow gewann.

Malchow oder Marzahn? Das erste befreite Haus in Berlin

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Etwa 464.000 Rotarmisten standen bei dieser letzten großen Schlacht weniger als 150.000 deutsche Kämpfer gegenüber. Soldaten der Schukow unterstellten 5. Stoß-Armee überschritten am 21. April bei Schwanebeck den Berliner Ring und erreichten gegen Mittag als erste das Berliner Stadtgebiet, wahrscheinlich auf der heutigen Bundesstraße 2 im damals zu Weißensee gehörenden Ortsteil Malchow (➋).

Wohl erst Stunden später rollten Panzer durch Marzahn, zu DDR-Zeiten feierte man das denkmalgeschützte Haus in der Landsberger Allee 563 als das erste vom Faschismus befreite in Berlin (➌). Auf Widerstand stießen die russischen Soldaten kaum, erst am S-Bahnring war eine Abwehrlinie aufgebaut worden.

Bei einem zweiten Angriff am selben Tag wurden Teile von Frohnau eingenommen. Die von Hohen Neuendorf in die Invalidensiedlung führenden Panzerspuren im Straßenbelag sieht man noch heute (Große Karte: ➍). Auch in Heiligensee kamen die Rotarmisten leicht voran. „Kamen auf der Neuruppiner Chaussee von 2 Seiten. Um unsere Ecke. Richtung – Havel“, notierte die in ihrem Haus An der Wildbahn 33 ausharrende Malerin Hannah Höch im Tagebuch.

Hermsdorf folgte tags darauf. Tagesspiegel-Leser Günter Stanieda, damals 13 Jahre alt, erinnert sich noch gut, wie er den ersten Stoßtrupp sichtete, eine Stalinorgel die Verteidigungslinie in der Bornholmer Straße beschoss und er selbst als „Militärpolizist“ auf der Berliner Straße mit roter Armbinde den Verkehr der Militärfahrzeuge regeln musste.

Noch heute erinnert diese Wandzeichnung an den Vormarsch der Roten Armee. An der Landsberger Allee erreichten die Eroberer am 21….Foto: Andreas Conrad

Ebenfalls am 22. April wurde das Konzentrationslager Sachsenhausen eingenommen, die Befreier fanden nur noch rund 3000 Zurückgelassene vor. Die SS hatte das KZ am Vortag geräumt und mehr als 300.000 Häftlinge auf den Todesmarsch geschickt.

Kein Strom, keine U-Bahn: Vieles bricht zusammen

Das öffentliche Leben in den noch von Wehrmacht, Waffen-SS, Volkssturm und manchmal sogar Hitlerjugend mühsam gehaltenen, rasch schrumpfenden Stadtteilen kam nun mehr und mehr zum Erliegen. Am 20. April war die Stromversorgung zusammengebrochen, drei Tage später der U-Bahnverkehr. Die Versorgung mit Lebensmitteln wurde lebensgefährlich angesichts pausenlos einschlagender Granaten und unentwegter Tieffliegerangriffe.

Hitlers letztes Aufgebot. Am 1. Februar hatten die Nazis Berlin zum Verteidigungsbereich erklärt. Ältere Männer und Jugendliche…Foto: Bundesarchiv, Bild 183-J31320 / CC-BY-SA 3.0 Dieses Werk darf von dir

Aus dem parallelen Vorrücken der Verbände Schukows und Konews ergab sich eine Zangenbewegung, die am 25. April mit deren Zusammentreffen bei Ketzin in der Einkesselung Berlins mündete. Da waren Rotarmisten schon tief ins Stadtgebiet vorgedrungen. Nach vier Tagen waren Reinickendorf, Pankow, Weißensee, Lichtenberg, Köpenick und Treptow besetzt, bei zunehmendem Widerstand, je näher der S-Bahnring als Hauptverteidigungslinie näher rückte.

Heftige Gefechte gab es entlang der Bundesstraße 1/5 in Mahlsdorf, Kaulsdorf und besonders an der Frankfurter Allee (➎). „Da begann die dichte Berliner Stadtbebauung, da muss es furchtbar gewesen sein“, sagt der Vorsitzende des Heimatvereins Marzahn-Hellersdorf, Wolfgang Brauer.

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Schnelles Vorrücken – doch immer wieder heftige Kämpfe

Bereits am zweiten Tag des Angriffs auf die „Frontstadt“, zu der Berlin geworden war, rückte die Rote Armee auch auf Steglitz und Zehlendorf vor, Neukölln folgte am 23., Tempelhof am 24. April. Rasch war sie an der Osdorfer Straße vorgedrungen. Die Überwindung des von Wehrmacht und Volkssturm heftig verteidigten Teltowkanals dauerte dagegen mehrere Tage (Große Karte: ➏). Schwere Straßenkämpfe in den Steglitzer Wohngebieten folgten.

Die südlichen Ortsteile Zehlendorfs wurden weitgehend kampflos eingenommen, am 25. April waren die Russen bis Zehlendorf-Mitte, Mexikoplatz und Düppel vorgedrungen. „Um 8.20 Uhr sah Vati dann Infanteristen, die an der Blumenthalstraße waren und in unsere Richtung weitergingen. Plötzlich riefen sie ,Stoj! Stoj!’ Es waren Russen! Sie schossen auf Vati, trafen aber natürlich nicht“ – so notierte der 14-jährige Justus Alenfeld in seinem „Tagebuch vom Endkampf Berlin’s“, das seine Schwester Irène Alenfeld in ihrem Buch „Warum seid ihr nicht ausgewandert? Überleben in Berlin 1933 bis 1945“ veröffentlichte.

Blick auf eine Panzersperre am S-Bahnhof Hermannplatz in Neukölln. Volkssturmsoldaten arbeiten an der weiteren Verstärkung.Foto: Bundesarchiv

Noch am 25. April rückten die Russen bis an den Rand Schmargendorfs vor, tags darauf durch den Grunewald bis Westkreuz, zeitgleich zur Einnahme Weddings – mit Ausnahme des Flakbunkers am Humboldthain, wo es noch am 3. Mai letzte Schusswechsel gab (➐).

Auch in dem inselgleich von Wasser umgebenen Wannsee und im Wald Richtung Potsdam leisteten versprengte deutsche Truppen Widerstand bis zuletzt. „Rund 900 von ihnen verloren kurz vor Kriegsende dort ihr Leben und sind auf den Wannseer Friedhöfen begraben“, schreibt der Journalist Lothar Beckmann im Jahrbuch des Heimatvereins Zehlendorf. Auch Anwohner wie die Georges und die Rühmanns mussten diesen sinnlosen Durchhaltewillen büßen.

1945/2020 - 75 Jahre Befreiung und Neuanfang- Die rote Armee in Berlin

Am 23. April hatte von Süden her der Angriff auf Neukölln begonnen, unterstützt von den bereits in Köpenick stehenden Truppen. In Rudow und Britz gab es heftige Kämpfe, ebenso entlang der heutigen Karl-Marx-Straße. Drei Tage später waren Hermannplatz und Hasenheide eingenommen (➑).

Von Neukölln aus erfolgte am 26. April die Eroberung des Flughafens Tempelhof, während bereits seit zwei Tagen Truppen von Lichtenrade her Richtung Innenstadt vordrangen. Am 27. April wurde das Ullsteinhaus besetzt, in dem noch die ersten Ausgaben der Durchhaltepostille „Der Panzerbär“ gedruckt worden waren und Monate später der Tagesspiegel gegründet wurde..

Spandau ist der letzte befreite Außenbezirk

1945/2020 - 75 Jahre Befreiung und Neuanfang- Die rote Armee in Berlin

Als letzter Außenbezirk fiel Spandau. Am 23. April war Hakenfelde besetzt worden, danach war die Altstadt für zwei Tage heftig umkämpft, bis sich die Deutschen über die Havel nach Siemensstadt zurückzogen. Zurück blieb die Zitadelle, Zuflucht für hunderte Alte, Frauen und Kinder, gehalten von einer zusammengewürfelten Truppe aus Wehrmacht, Volkssturm und uniformierten Wissenschaftlern des Heeres-Gasschutzlaboratoriums (➒).

Die Geschichte ihrer Übergabe, des mutigen Einsatzes der russischen Parlamentäre Major Wassili Grischin und seines Dolmetschers Hauptmann Wladimir Gall, ist oft erzählt worden, so auch von Regisseur Konrad Wolf 1968 in dem Film „Ich war neunzehn“. Dank der russischen Offiziere fiel kein Schuss, am 1. Mai wurde die Zitadelle kampflos übergeben – anders als die Brücken nach Pichelsdorf, wo es ein Blutbad unter dem eingesetzten Volkssturm gegeben hatte.

Symbol des Sieges. Rote Fahne auf dem Reichstag

Mit der Einnahme von Siemensstadt am 28. April hatte sich der Ring um die Innenstadtbezirke geschlossen. Er wurde schnell immer enger. In Friedrichshain hatte die Rote Armee den S-Bahnring bereits am 24. April durchbrochen, kämpfte sich in drei Tagen auf der Frankfurter Allee bis in die Nähe des Alexanderplatzes vor, südlich bis zum Ostbahnhof und nördlich bis zur Greifswalder Straße.

Im nördlichen Prenzlauer Berg kam sie über den S-Bahnring kaum hinaus, konnten immerhin im südlichen Abschnitt der Schönhauser Allee vordringen.

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Schwere Kämpfe gab es ab 25. April in Kreuzberg um Görlitzer Bahnhof, Moritzplatz, Hallesches Tor, Anhalter Bahnhof und das Gelände der heutigen Gedenkstätte Topographie des Terrors. Ähnlich lief es parallel in Schöneberg ab, Kämpfe tobten hier vor allem an den Yorckbrücken, auf der Potsdamer Straße und am Nollendorfplatz.

Charlottenburg, Wilmersdorf und Tiergarten waren erst am 1. Mai vollständig in sowjetischer Hand, nach blutigen Kämpfen in den Wohngebieten zwischen Spree und oberer Kantstraße, am Savignyplatz, Zoo und Fehrbelliner Platz. Den Kurfürstendamm erreichten die russischen Soldaten erst am 30. April, in der Nacht zum 1. Mai wurde der Reichstag eingenommen (➓). Das dortige Hissen der roten Fahne wurde für die Angreifer zum Symbol des Sieges.

Ikonisches Foto. Die gestellte Aufnahme des Rotarmisten, der die sowjetische Flagge über dem Reichstag hisste, markiert das Ende…Foto: imago/ITAR-TASS

Die Bilanz des Todes

In wenigen Tagen war der Herrschaftsbereich Hitlers und seines Nachfolgers als Reichskanzler Goebbels, die sich am 30. April und 1. Mai das Leben nahmen, auf den Bezirk Mitte geschrumpft, in dem die Rote Armee immer weiter an den „Führerbunker“ heranrückte (⓫). Zuletzt blieb nur noch das Areal zwischen Bahnhof Friedrichstraße, Wilhelmstraße und Leipziger Straße, bis General Weidling sich am 2. Mai auf den Weg zum Gefechtsstand von General Wassili Tschuikow, Kommandeur der 8. Garde-Armee, im Tempelhofer Schulenburgring machte (⓬).

Bei der Schlacht um Berlin hatte es seit den Seelower Höhen auf sowjetischer Seite rund 100.000 Tote und 250.000 Verwundete gegeben, auf deutscher ebenfalls 100.000 tote Kämpfer. Die Zahl der getöteten Zivilisten, so schreibt der beim Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr tätige Historiker Peter Lieb, sei am schwierigsten zu bestimmen, „doch dürfte diese Zahl bei mehreren Zehntausend gelegen haben“.

Text und Karte entstanden mit freundlicher Unterstützung des Deutsch-Russischen Museums in Karlshorst, das die von ihm gesammelten Informationen in dem Faltblatt „Kriegsende in Berlin“ (3 Euro) zusammengefasst hat. Zahlreiche Details steuerten die Newsletter-Reporter des Tagesspiegels mit ihren bezirklichen Recherchen bei – kostenfreies Abo unter leute.tagesspiegel.de. Eine empfehlenswerte Gesamtdarstellung bietet das Buch von Peter Lieb: Die Schlacht um Berlin und das Ende des Dritten Reichs 1945 (Reclam, 160 Seiten, 67 Fotos, 10 Karten, 12,99 Euro). Zur besseren Orientierung sind auf den Tagesspiegel-Karten die heutigen Bezirksgrenzen und Strassen eingezeichnet. · Grafik, Umsetzung und Foto-Recherche: Fabian Bartel, Katrin Cremer, Stephanie Hamann, Henning Onken